Entwicklungskonzept für das Gut Hellersdorf - Zwischenbericht
5. Die Zukunftswerkstatt vom 02. - 04.Februar

 

Inhalt

5.1 Warum eine Zukunftswerkstatt?
5.2 Der zeitliche Ablauf
5.3 Die Kritikphase
5.4 Utopiephase
5.5 Verwirklichungs- und Praxisphase
5.6 Blitzlicht

 

 

5.1. Warum eine Zukunftswerkstatt?

Die Zukunftswerkstatt ist ein soziales Problemlösungsverfahren, bei dem an einem bestimmten Thema möglichst kreativ und in Gruppen gearbeitet wird. Die Zukunftswerkstatt ist methodisch in drei Phasen gegliedert. Die erste Phase, die Kritikphase, hat das Ziel sämtliche Kritik, die die Teilnehmer in Bezug auf das Thema haben, ans Licht zu bringen. Es sollen in einer Art "Bestandsaufnahme" alle Schwierigkeiten und Probleme benannt werden. In der Utopiephase geht es darum, den Ist - Zustand zu überwinden. Anstelle von Problemen spielen hier Phantasie und Kreativität die Hauptrolle, es soll das Bild einer idealen Zukunft entstehen. In der letzten Phase, der Verwirklichungs- und Praxisphase soll das Utopische mit der Realität in Einklang gebracht werden. Hierzu müssen konkrete Forderungen und Projektansätze entstehen.
Hauptziel ist es also, die Wirklichkeitsebene in Richtung Phantasieebene anzuheben.
Für unsere Projektarbeit war das Durchführen einer Zukunftswerkstatt zu diesem Zeitpunkt sinnvoll. Die sektoralen AGs hatten ihre Bestandsaufnahme vorgestellt, so dass es für alle Teilnehmer eine gemeinsame Basis gab. Es wurden bei den Präsentationen der AGs auch schon viele Ideen für die Zukunft gesammelt, die sich jedoch häufig widersprachen. Außerdem waren die Ideen stark beeinflusst von den vielen Probleme und Hindernissen, die es auf dem Gut gibt. Durch die Zukunftswerkstatt sollte das Thema nun einmal von einer ganz anderen Seite beleuchtet werden. Der Ist - Zustand wird verlassen und es können phantastische Ideen entstehen, die dann in die weitere Projektarbeit einfließen.

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5.2. Der zeitliche Ablauf

Einführung in die Zukunftswerkstatt 02.02.01 (21:30 - 22:20)

  • Begrüßung, Einstieg·
  • Vorstellen des Ablaufplans·
  • Moderationsverteilung·
  • Einstimmungsphase
Kritikphase/Utopiephase 03.02.01 (9:45 - 20:00)
  • Einführung Kritikphase·
  • Kritikpunkte sammeln im Rollenspiel·
  • Sammeln/Rubrizieren der persönlichen Kritikpunkte·
  • Reduzieren/Präzisieren der Rubriken·
  • Kritikrubriken auswählen·
  • Positive Umformulierung der Kritikpunkte·
  • Einführung Utopiephase·
  • Umziehen/Logo und Namen entwerfen·
  • Bild malen·
  • Vernissage·
  • Entwurf der Utopien·
  • Präsentation der Utopien·
  • Auswahl der faszinierenden Ideen

Realitätsphase 04.02.01 (9:30 - 13:30)
  • Einführung Realitätsphase·
  • Präsentation der TED Wahlergebnisse·
  • Aufstellung von drei Hauptforderungen·
  • Bewertung im Rotationsprinzip·
  • Projektumrisse erarbeiten·
  • Präsentation der Projektentwürfe·
  • Blitzlicht zur Zukunftswerkstatt.

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5.3. Die Kritikphase

Nach einer kurzen Einstimmungsphase am Vorabend, bei der jeder Teilnehmer einen von einem anderen Projektmitglied mitgebrachten Gegenstand, der symbolisieren soll, was ihm oder ihr auf dem Gut Hellersdorf fehlt, deutet, beginnt am Samstagvormittag die eigentliche Kritikphase.

Zunächst wird durch die Moderation in die Phase eingeführt. Es wird an die Einstimmungsphase angeknüpft, Sinn und Zweck der Kritikphase werden noch einmal kurz erläutert und die Spielregel für die Phase (jeder hat Recht, keine Diskussion im Plenum, Themenbezug einhalten, sich kurz fassen, Visualisieren, Beispiele nennen, groß und leserlich schreiben) werden genannt.

Im Anschluss daran wird die zentrale Kritikfrage ("Was alles stört Euch am Gut und der Umgebung?") gut sichtbar an die Wand gehängt.

In einem Rollenspiel sollen nun erste Kritikpunkte gesammelt werden. Jeder Teilnehmer bekommt eine Rolle zugeteilt, indem er ein Namensschild zieht. Auf dem Namensschild steht neben dem Namen auch eine kurze Beschreibung der Person die er spielen soll. Zum Teil gehören zwei Personen zusammen (beispielsweise zwei Jugendliche), so dass sich auch einige Zweiergruppen bilden.
Nun sollen die Teilnehmer rollenspezifische Kritikpunkte sammeln. Die drei wichtigsten Punkte werden auf A4 Zetteln notiert. Im Plenum sollen sich die Teilnehmer dann kurz vorstellen und ihre Punkte präsentieren. Bei der Präsentation der Punkte findet ein erstes Rubrizieren statt. Nach dem Dominoprinzip werden thematisch ähnliche Punkte untereinander, thematisch verschiedene nebeneinander auf den Boden gelegt. So entstehen erste Kategorien von Kritikpunkten: Gewerbe, Umgebung, Zustand des Gutes allgemein, Gebäudezustand, Freizeit/Kinder, Erschließung, kulturelle Einrichtungen.
Nach diesem Sammeln von rollenspezifischen Kritikpunkten werden die Teilnehmer aufgefordert ihre ganz persönliche Kritik aufzuschreiben. Dabei soll jeder in einer Art Brainstorming sämtliche Punkte auf A6 Karten schreiben.
Da nicht mit allen Punkten weitergearbeitet werden kann, sollen sich die Teilnehmer in Zweiergruppen zusammentun und aus den Punkten die jeder für sich notiert hat die wichtigsten 4-6 Punkte auswählen. In diesem Schritt können natürlich auch ähnliche Punkte zusammengefasst werden.
Im Anschluss daran werden die ausgewählten Punkte im Plenum präsentiert und durch Anlegen an die schon rubrizierten Punkte aus dem Rollenspiel thematisch geordnet. Somit entstehen die neuen Rubriken Politik und Image.
Da die Rubriken sich teilweise thematisch sehr ähnlich sind, bzw. es Überschneidungen gibt, werden Rubriken zusammengefasst, um möglichst viel mit in die nächste Phase zu nehmen. Es werden folgende Rubriken zu jeweils einer zusammengefasst: kulturelle Einrichtungen und Freizeit/Kinder, Image und Politik, Zustand des Gutes allgemein und Gebäudezustand.
Es sind nun 6 Rubriken übrig, welche die Teilnehmer nun durch persönliche Erlebnisse oder Beispiele präzisieren sollen, damit für alle deutlich wird, was thematisch alles unter die einzelnen Rubriken fällt. Die genannten Beispiele, Erlebnisse werden von den Moderatoren stichwortartig festgehalten und als "Erklärungshilfe" unter die jeweilige Rubrik gehängt.
Nun folgt die Rubrikauswahl nach Interesse. Da nur drei Rubriken mit in die Utopiephase genommen werden können, muss sich jeder Teilnehmer für eine Rubrik entscheiden, mit der er gerne weiterarbeiten möchte. Es müssen sich jedoch drei Gruppen bilden. Wer also alleine bei seiner Rubrik steht, muss entweder noch andere für sich gewinnen oder zu einer anderen Rubrik wechseln. Folgende Rubriken werden zur Weiterarbeit ausgewählt: Erschließung, Umgebung, Freizeit/ Kultur.

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5.4. Utopiephase

Der Übergang zur Utopiephase verläuft nun mit einem gleitenden Übergang, indem die Kritikpunkte aus der Kritikphase mitgenommen werden und hier positiv umformuliert werden. Hierbei werden die Kritikpunkte aber nicht nur ins Gegenteil gesetzt, sondern die Aufgabe an die Teilnehmer ist so formuliert, dass sie ein wenig Übertreibung in die Umformulierung mit einbringen sollen. Jede Gruppe präsentiert anschließend im Plenum ihre positiven Punkte.
Nach einer kurzen Mittagspause werden die Spielregeln (jeder hat Recht; Visualisieren; Beispiele nennen; groß und leserlich schreiben; utopisch denken; Geld und Macht spielen keine Rolle) erläutert und die Teilnehmer werden aufgefordert, sich jeweils mindestens ein feineres Kleidungsstück anzuziehen und danach für ihre Künstlergruppe einen Namen und ein Logo zu entwerfen. Die Moderation hat sich ebenfalls verkleidet ("mit gutem Beispiel vorangehen") und fordert die Teilnehmer auf, zu den positiven Punkten nun ein Bild zu malen. Jede Gruppe erhält ein A1 Blatt Papier und weitere Materialien liegen aus. Bei einer darauffolgenden Vernissage gibt sich die Moderation als ein Galeristenteam aus. Es gibt Sekt und es wird über die Bilder gesprochen. Jeder hat die Möglichkeit, zu jedem Bild, das er selbst nicht kreiert hat, eine oder mehrere Ideen zu hängen. Daraufhin klären die Künstler auf, indem sie einen Titel für das Bild und eine dazugehörige Kurzinterpretation aufdecken. Weiterhin nimmt sich jeder Künstler eine Idee mit, die ihm besonders gut gefällt und wird diese bei dem Utopieentwurf mit einbringen. Diese Utopie wird von den Teilnehmern innerhalb einer Stunde entworfen und - da die Utopien in diesem Fall alle theatralische Szenen sind - im Seminarraum anschließend präsentiert. Die Grundlage für diese Utopien sind die Bilder, die positiv umformulierten Kritikpunkte und die Ideen zu den Bildern. Die faszinierenden Ideen, die die Teilnehmer während der Präsentation sehr einprägend fanden, werden nun gesammelt und rubriziert. Danach dürfen paarweise drei Stimmen für die zehn ausgewählten faszinierenden Ideen vergeben werden. Kumuliert werden darf hierbei nicht. Die drei am häufigsten gewählten Ideen werden mit in die folgende Realitätsphase mitgenommen.

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5.5. Verwirklichungs- und Praxisphase

In dieser Phase werden die Utopien in die Realität und Praxis übersetzt und auf ihre Durchsetzbarkeit überprüft. Die Moderation erläutert kurz die Spielregeln (konkret werden, sich kurz fassen, Themenbezug einhalten, Visualisieren). Danach werden die ausgewählten faszinierenden Ideen des Vorabends präsentiert und die Teilnehmer ordnen sich einer Idee zu. Es entstehen die Kleingruppen Gastronomie, Wasser(-wege) und Flair/Atmosphäre. Die Idee "Freizeit" entfällt. Anschließend werden die Ideen in die Wirklichkeit übersetzt, nutzbar gemacht und konkretisiert. Anhand der zahlreichen Ergänzungen werden nun Forderungen aufgestellt, die zu einer kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Umsetzung der Ideen führen könnten. Im Uhrzeigersinn wechseln die Kleingruppen nun von Forderung zu Forderung, erfassen und bepunkten sie. Mit Hilfe dieser Bewertung wählen die Kleingruppen ihre Hauptforderung für die Weiterarbeit aus. Die Gruppe "Gastronomie" entscheidet sich für die Forderung nach Investitionen in die Infrastruktur (Anliegerverkehr, Art der Gastronomie); die Gruppe "Wasser (-wege)" für die Umgestaltung des Grabens (Umgebung mitbeachten, Freiflächengestaltung) und die Gruppe "Flair/Atmosphäre" fordert die Neuordnung der städtebaulichen Struktur (nicht zu detailliert werden). Im Plenum werden die Forderungen noch einmal mit beachtenswerten Stichpunkten ergänzt (die oben in Klammern stehenden Punkte).
Die Kleingruppen beginnen jetzt mit der Erarbeitung von Projektumrissen. Die Moderation gibt ihnen hierfür fünf Fragen mit auf den Weg.

  • Was wollt ihr umsetzen?
  • Wie geht ihr dabei vor; kurzfristig, langfristig?
  • Wen braucht ihr/Wer unterstützt euch?
  • Welche Mittel, Techniken und Konzepte braucht ihr?
  • Wie könnte das Endergebnis aussehen?

Anschließend treffen sich die Gruppen wieder im Plenum und stellen sich die Projektumrisse gegenseitig vor.

Die Projektgruppe "Gastronomie" will den Gutsbereich für Fußgänger und Anlieferverkehr erschließen und gastronomische Betriebe in einer großen thematischen und räumlichen Vielfalt ansiedeln. Das gesamte Gebiet wird geöffnet und der Besucher- bzw. Anliegerverkehr von Norden ins Gut geführt. Ein Parkplatz entsteht auf dem ehemaligen Park des Gutes, ansonsten wird motorisierter Verkehr ausgeschlossen. Mit Hilfe eines Gebäude- und Projektmanagers wird eine vielseitige, nicht in Konkurrenz zueinander stehende Nutzung angestrebt. Kurzfristig soll ein Investor gesucht werden, um dann mittelfristig einen Vorhaben- und Erschließungsplan zu erarbeiten und umzusetzen.

Der zweite Projektumriss beschäftigt sich mit der Umgestaltung des Grabens, der südlich am Gut vorbei führt. Dieser soll zu einem öffentlich Spazierweg am Wasser mit hohem Erholungswert aufgewertet werden. Er müsste kurzfristig entrümpelt werden und mittelfristig mit Wegen, Brücken, Bänken Neuanpflanzungen und Spielmöglichkeiten versehen werden. Die Grünflächen und das Wegenetz sollten bis ins Gut hinein gehen und dieses mit der Großsiedlung verbinden. Akteure in diesem Konzept sind auf der einen Seite das Bezirksamt (Erschließung, Öffnung, Finanzierung ) und auf der anderen Seite die Anwohner und Gewerbetreibenden (Mitgestaltung und dauerhafte Pflege). Als Problem wird die ressourcenschonende Wassergewinnung angesehen, da große Mengen benötigt werden um es als gestaltendes Element zu etablieren.

Als letztes stellt die Projektgruppe "Flair/Atmosphäre" ihre städtebauliche Neuordnung vor. Das Konzept zielt auf eine Verbindung des Gutsgeländes mit der Neuen Mitte, die Erhaltung des alten Gutes und die Neuordnung des östlichen Gutsbereiches. Der denkmalgeschützte Bereich wird durch Rad- und Fußwege erschlossen, wohingegen der Rest durch Straßen und eine Sichtachse mit der Neuen Mitte verbunden wird. Das Bezirksamt soll mit Hilfe von Sanierungs-, Erhaltungs- und Gestaltungssatzungen den alten Dorfkern in Verbindung mit dem Gut wiederherstellen. Der östliche Teil des Geländes wird geräumt und steht so neuen Nutzungen zur Verfügung.

5.6. Blitzlicht

Die Teilnehmer beurteilten die Zukunftswerkstatt und ihre Organisation grundsätzlich als positiv. Sie waren überrascht über das hohe Engagement der einzelnen Teilnehmer und den schnellen, unbemerkten Ablauf der Zeit. Es wurde allerdings auch die Frage eingeworfen, inwieweit solche Methoden für die professionelle Planung relevant sind? Als problematisch wurde das ständige Ausfiltern von Ideen und Inhalten angesehen, da dadurch wichtige Inhalte verloren gingen. An manchen Punkten hätte das Phantasieren noch extremer und freier ablaufen können, gleichwohl wurde die kreative Methode als erkenntniserweiternd bewertet.

© 2001, www.comeniuscape.de.