Entwicklungskonzept für das Gut Hellersdorf - Zwischenbericht
1. Die Geschichte Hellersdorfs und des Gutes


Inhalt

1.1 Lage
1.2 Archäologische Siedlungsspuren
1.3 Der Aufschwung im 19.Jahrhundert
1.4 Von den Wirrungen des 20.Jahrhunderts bis heute
1.5 Quellenverzeichnis

 


1.1. Lage

Hellersdorf ist ein Wohngebiet am östlichen Stadtrand Berlins. Der einstige Standort komplexen Wohnungsbaus birgt ein historisches Gut, das westlich vom heutigen Ortsteilzentrum gelegen ist.


1.2 Archäologische Siedlungsspuren

Archäologische Ausgrabungen belegen eine spätgermanische (3.-5.) und eine frühslawische (6./7.Jh.) Siedlung am Südwestufer des Schleipfuhls. Die spätgermanische Siedlung umfasste 31 erforschte Gebäude aus zwei Siedlungsgsphasen, die in einem Halbkreis von 50 - 60 m Durchmesser angeordnet waren. Die frühslawische Besiedlung begann bald nach Ende der spätgermanischen. Es wurden Ackerbau und Viehzucht betrieben.
Die Mittelalterliche Dorfwüstung liegt etwa 80 m südlich vom U-Bhf Cottbusser Platz und 750m südlich von Alt-Hellersdorf, beiderseits eines Baches - auf 1 km Länge (einschließlich unbebaute Besitzstreifen). Erste Erwähnung fand "Hellwichstorpp" 1375 im Landbuch Karl IV. - seinerzeit umfasste das Dorf 25 Hufen. 1400 war es allerdings bereits wüst. Die Ausgrabung fanden 1983-86 unter Zeitdruck des zu errichtenden Neubaugebiets statt. Die Funde umfassten sechs Häuser, Kirche, Friedhof, Windmühle und Krug.
Aufgrund dieser Funde geht man heute von einer Gründung des Dorfs Hellersdorf spätestens in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts aus.1

Grafik: historischer Lageplan Hellersdorf



Quelle: Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik -
Denkmale und Funde 2 - Fundorte und Funde.

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1.3 Der Aufschwung im 19. Jahrhundert

Etwa 1820-86 wird Hellersdorf zum Rittergut ausgebaut. Ludwig Graf von Arnim, Landrat von Niederbarnim und kgl. Oberst-Gewandmeister, erwirbt Hellersdorf. Es folgt ein bemerkenswerter Aufschwung.

Tabelle: Bevölkerungsentwicklung: 2

Jahr Einwohner
1817 10
1841 64
1858 128
1871 139

Quelle: : Rach, Hans-Jürgen, Die Dörfer in Berlin, Berlin, 1988, S. 130.

1860 umfasste Hellersdorf eine Fläche von 410 ha, die vorwiegend als Ackerland genutzt wurde.

1886 kauft Berlin das mittlerweile 450 ha große Gut Hellersdorf, als Entwicklungsgebiet für die sich ausbreitende Reichshauptstadt, wenngleich die Stadtgrenze damals noch weit entfernt lag. Es kam zur Teilung:

  • westlich der Wuhle Anlage des Wuhlgartens (Heil- & Pflegeanstalt f. Epileptiker - heute Wilhelm-Griesinger-Krkhs. - großzügiges parkartiges Areal mit einschl. Gebäuden für Verwaltung, Bettenhäusern, Wohnheimen, Werkstätten und einer Kapelle)
  • östlich der Wuhle entsteht - zusammen mit umliegendem Bauernland - das Rieselgut Hellersdorf.

1895 hat Hellersdorf zusammen mit den Gepflegten der Anstalt 1179 Einwohner.

Die industrielle Revolution im auslaufenden 19. Jahrhundert führt in Berlin zu einer explosionsartigen Bevölkerungsentwicklung, verbunden mit massivem Mietskasernenbau und zunehmendem Siedlungsdruck ins einstige Umland. Eine der Folgen waren katastrophale hygienische Verhältnisse. James Hobrecht, dessen "Hobrechtplan" die Entwicklungsachsen der Stadt ins Umland festsetzte und Baurecht schuf, war primär ein Plan zur Anlage einer flächendeckenden Kanalisation. Sein System fußte auf biologischer Abwasserreinigung - der Verrieselung, d.h. Versickerung von Abwässern auf speziell vorbereiteten Feldern. Der Flächenbedarf war enorm: 1872-1904 wurden über 15 700 ha Land dafür erworben. Die peripher gelegenen Rittergüter waren wie prädestiniert für die Anlage von Rieselfeldern. Hier wurden fortan Abwässer aus Friedrichshain, später auch aus Lichtenberg verrieselt. 3

Zum Betrieb der Rieselanlagen benötigte man Arbeitskräfte (neben dem Betriebsleiter und Verwaltungsangestellten Riesel- und Grabenwärter, Gärtner, Gespannführer, Vorschnitter, Hofaufseher, Stellmacher, Brennmeister und Melker), für die auf dem Gut Hellersdorf neue, teilweise standardisierte Gebäudeanlagen entstanden: Rinder- und Pferdestall, Scheune, Schmiede, Speicher, Wirtschafts- und Verwaltungsgebäude, Schule und mehrere gut ausgestattete Arbeiterwohnhäuser, mit denen man Arbeitskräfte zu werben begann.

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1.4 Von den Wirrungen des 20. Jahrhunderts bis heute

1920 erfolgte mit dem Groß-Berlin-Gesetz die Eingemeindung des bis dahin selbständigen, im Kreis Barnim gelegenen Gutsbezirks Hellersdorf nach Berlin - in den Stadtbezirk Lichtenberg. Die Gutsverwaltung vor Ort erhielt relativ großen Entscheidungsspielraum. Man entschied sich in den 20er Jahren für eine Spezialisierung der Rieselfelderbewirtschaftung auf Geflügelzucht. Neben Gemüse und Getreide wuchs auf den Feldern vorwiegend Gras, sodass man i.d.R. Milchkühe, Schafe, Schweine, Pferde und Zugochsen hielt.

Zu Zeiten des Nationalsozialismus wurde die bis dahin selbständige "Berliner Stadtgüter GmbH" aufgelöst, die Verwaltung zentralisiert, später entstand ein städtischer Eigenbetrieb.

Nach Kriegsende requirierte die Sowjet-Armee das Gut und gab es erst mit Gründung der DDR in deutsche Verwaltung zurück - umgewandelt in ein "VEG" - volkseigenes Gut: Boden, Vieh und Produktionsmittel wurden Staatseigentum, die Beschäftigten standen nun in einem Lohnverhältnis.
Es wurde weiterverrieselt, Kühe und Schafe gehalten, Futterpflanzen und Rosenkohl angebaut, die Geflügelzucht jedoch nicht wieder reaktiviert. Die Verrieselung wurde mit Inbetriebnahme des Klärwerks Falkenberg 1968 nach und nach eingestellt. In den 70-er Jahren wurden landwirtschaftliche Betriebe der DDR zu "Kooperativen Abteilungen Pflanzen- und Tierproduktion" (KAP) spezialisiert, die Verwaltung der KAP-Berlin zog ins alte Hellersdorfer Gutshaus; die alte Schule war bereits zum Lehrlingswohnheim umfunktioniert worden.
Die heute noch vorhandenen Gebäude - vormals Ställe, Scheunen, Remisen usw. entstanden erst um 1900. Nur eine Landarbeiterkate (Alt-Hellersdorfer Str. 9) aus den 1840er Jahren ist noch vorhanden.

Die Ländereien wurden nach Trockenlegung nur noch für landwirtschaftliche Produktion genutzt - bis sie den Neubauplanungen der Großsiedlung Hellersdorf zum Opfer fielen (was kaum eigentumsrechtliche Probleme provozierte, denn das Gelände befand sich in Staatseigentum). Anfang der 80-er Jahre begann man die Großsiedlung Hellersdorf zu planen - eine Zeit, in der man bereits auf vielseitige Erfahrungen mit dem komplexen Wohnungsbau in der DDR zurückschaute. Die Monotonie der gigantischen Großsiedlungen und ihre strukturellen Mängel wurden zunehmend erkannt. Anpassungen und Weiterentwicklungen der Montagebauweise sollten dem Rechnung tragen. 4 So wurde das Typenhaus zugunsten von aus addierbaren Segmenten gefügten Gebäuden weiterentwickelt. Die neuen Häuser waren niedriger, hatten Ecklösungen, variierten in der Dachform und: Das Erdgeschoss wurde für Läden und Dienstleistungen entdeckt; es entstanden Blockstrukturen, einzelne Quartiere bekamen nun einen identitätsstiftenden Mittelpunkt. Diese Bauweise war natürlich teurer; die herausragend hohen Blöcke an der Landsberger Allee sind eine Konsequenz dieser Erkenntnis.

In Etappen entstand zuerst Kaulsdorf-Nord, dann die Bebauung um das Gut Hellersdorf herum. Erst während dieser Bauphase - 1984 - entschloss man sich für eine komplettierende Bebauung des ganzen heutigen Stadtbezirks Hellersdorf - getreu einem Strukturplan, der sich an der neu zu bauenden U5 nach Hönow als Haupterschließung ebenso orientierte wie - zwangsweise - an der topographischen Situation: Niveauunterschiede (<16m), die Hönower Weiherkette, der Hellersdorfer Graben usw. erzwangen eine weniger kompakte, eher weiträumige Gliederung. Zudem gab es Leitbilder, die auf Kinderfreundlichkeit, viel Grün, maximal 6-geschossige Blöcke, Mieterterassen, Nahversorgung in den Quartieren, die ihrerseits möglichst verschieden gestaltet werden sollten (Fassadenmaterial- und Farbleitkonzepte), zielten. Die Errichtung der neuen Wohnquartiere über ca. 300 ha Fläche in kürzester Zeit und die angestrebte gleichzeitige Bereitstellung der sozialen Infrastruktur stellte einen enormen Aufwand dar. 1986 wurde der Stadtbezirk Hellersdorf gegründet. Seit dem 1.7.1989 fährt die U5 bis nach Hönow und bindet Hellersdorf in 30 min an die Innenstadt an.

Da die Hellersdorfer Großsiedlung bis zur Wende nicht fertiggestellt wurde, sah man 1989/90 eine große Chance für die Weiterentwicklung. Nun legte man zunehmend Wert auf die Qualität des Wohnumfeldes. Das Hellersdorfer Zentrum war noch nicht begonnen worden - es konnte nun völlig neu geplant und verwirklicht werden (Helle Mitte). Das dominante Bauelement Beton wird nunmehr kaschiert durch intensivere Farbgestaltung und Veränderung baulicher Details (Balkone, Loggien, Hauseingänge usw.).

Ein legendärer Storch, der sein Nest auf dem Schornstein der alten Gutsziegelei hatte, hielt Hellersdorf bis 1989 die Treue, dann war sein angestammter Lebensbereich offenbar endgültig zubetoniert worden.

Im Zuge der Bezirksgebietsreform fusionierten am 1.1.2001 die Bezirke Hellersdorf und Marzahn zu Marzahn-Hellersdorf.
Mit der Bildung neuer Ortsteile im neuen Großbezirk erhielt auch Hellersdorf den Status eines Ortsteils: Er umfasst die Großsiedlung einschließlich Gutsbereich. Die ehemals zum Bezirk Hellersdorf gehörenden Ortsteile Mahlsdorf und Kaulsdorf bleiben bestehen und sind nunmehr gleichrangig mit dem Ortsteil Hellersdorf u.a. Bestandteil von Marzahn-Hellersdorf.

1.5 Quellenverzeichnis

1vgl.: Herrmann, Joachim (Hrsg.), Archäologie in der DDR, Leipzig, 1989, S. 796.
2 aus: Rach, Hans-Jürgen, Die Dörfer in Berlin, Berlin, 1988, S. 130.
3 Winkler, Carolina, Hellersdorfer Heimatbriefe 3, Berlin, 1996, S. 5.
4Willumat, Heinz, Zur Entstehungsgeschichte, in: Kohlbrenner, Urs, Werner, Christiane,
Quartierskonzept Hellersdorf, Berlin, 1998, S. 8.

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